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Nachhaltigkeit im Mittelstand: Zwischen Gegenwind und Aufbruch

JK Interview 0033
JK Interview 0033

Links Prof. Dr. Christian Berg, Rechts Fabian Kauer

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Christian Berg über Zukunftsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und die richtigen Prioritäten

Die politische Diskussion rund um Nachhaltigkeit im Mittelstand hat sich verändert.

Berichtspflichten werden angepasst, regulatorische Anforderungen neu bewertet und viele Unternehmen stellen sich die Frage: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit künftig überhaupt noch in mittelständischen Strukturen?

Wir haben darüber mit Prof. Dr. Christian Berg gesprochen. Als Nachhaltigkeitsexperte mit langjähriger Erfahrung aus Wissenschaft und Industrie ordnet er die aktuelle Entwicklung ein und zeigt auf, warum Nachhaltigkeit auch künftig ein zentraler Faktor für Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftlichen Erfolg bleibt.

 

Herr Professor Berg, viele Unternehmen bewerten ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten derzeit neu. Verliert das Thema an Bedeutung?

Nein, vielmehr erleben wir eine Normalisierung.

In den vergangenen Jahren gab es einen starken Fokus auf regulatorische Anforderungen und Berichtspflichten. Dadurch entstand teilweise der Eindruck, Nachhaltigkeit sei vor allem ein Compliance-Thema. Diese Phase normalisiert sich aktuell.

Die eigentlichen Inhalte bleiben jedoch unverändert relevant. Themen wie Energiepreise, Rohstoffversorgung, Lieferketten, Risikomanagement oder Fachkräftesicherung sind längst Teil des betrieblichen Alltags geworden.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Nachhaltigkeit relevant ist, sondern wie Unternehmen sie so umsetzen, dass sie auf den Unternehmenserfolg einzahlt.

 

In wirtschaftlich herausfordernden Zeiten fragen sich viele Unternehmen, ob sie sich Nachhaltigkeit überhaupt leisten können. Was antworten Sie darauf?

Ich würde die Frage umdrehen: Kann es sich ein Unternehmen leisten, Nachhaltigkeit auszublenden?

Langfristig sicherlich nicht.

Wer sich mit Energieeffizienz, Ressourceneinsatz, Lieferkettenstabilität oder Mitarbeiterbindung beschäftigt, arbeitet bereits an zentralen Nachhaltigkeitsthemen. Genau hier entstehen häufig wirtschaftliche Vorteile.

Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Kostenfaktor. Richtig angegangen, kann sie dazu beitragen, Energieverbräuche zu senken, Material effizienter einzusetzen, Entsorgungskosten zu reduzieren oder die Attraktivität als Arbeitgeber zu erhöhen. Richtig umgesetzt, wird Nachhaltigkeit im Mittelstand damit zu einem Hebel für Stabilität und wirtschaftlichen Erfolg.

Wichtig ist jedoch eine realistische Einordnung im Unternehmen: Nachhaltigkeit entsteht nicht ohne Investitionen. Unternehmen benötigen ein langfristiges Commitment und müssen gezielt dort ansetzen, wo die größten Hebel liegen.

 

Viele Unternehmen warten derzeit ab. Ist Nichtstun eine Option?

Natürlich nicht.

Die globalen Entwicklungen zeigen eindeutig, wohin die Reise geht. Der Ausbau erneuerbarer Energien, Elektromobilität, Kreislaufwirtschaft und entsprechende Transformationsinvestitionen entwickeln sich weltweit mit hoher Dynamik. Unternehmen, die heute in diese Themen investieren, gehören vielerorts nicht mehr zu den Vorreitern, sondern holen vielmehr Entwicklungen nach, die zunehmend zum Standard werden.

Nachhaltigkeit beeinflusst inzwischen nahezu alle Unternehmensbereiche, von Finanzierung und Beschaffung über Produktion und Personalmanagement. Damit wird sie immer stärker zu einer Frage langfristiger Wettbewerbsfähigkeit.

Deshalb wird die Frage künftig nicht lauten, ob Unternehmen Nachhaltigkeit berücksichtigen müssen, sondern wie erfolgreich sie dies tun.

Wo sollten mittelständische Unternehmen beginnen, wenn Zeit und Ressourcen begrenzt sind?

Der erste Schritt ist Transparenz.

Unternehmen sollten zunächst verstehen, wo sie stehen und welche Faktoren den größten Einfluss auf ihren Geschäftserfolg haben. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Daten zu sammeln oder perfekte Berichte zu erstellen.

Entscheidend ist die Frage:

Wo liegen die wesentlichen Hebel meines Unternehmens?


Dazu gehören zwei Perspektiven:

  • Welche Auswirkungen hat mein Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft?
  • Welche Entwicklungen in Umwelt, Markt oder Regulierung wirken auf mein Geschäftsmodell zurück?

Genau das meint der Ausdruck „doppelte Materialität“, von der auch der Green Deal spricht.

Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, erkennt meist sehr schnell die relevanten Handlungsfelder. Dort zeigt sich auch, wo Nachhaltigkeit den größten Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit und zum Unternehmenserfolg leisten kann.

Gerade mittelständische Unternehmen, deren Gesellschafter ja oft eher in Generationen als Quartalen denken, stellen sich diese Fragen oft ohnehin schon lange.

 

Wie sieht Ihre Zukunftsperspektive für den Mittelstand aus?

Langfristig führt kein Weg an einer ressourceneffizienten, erneuerbaren und kreislauforientierten Wirtschaft vorbei.

Ich sehe die Zukunft in Geschäftsmodellen, die erneuerbare Energien nutzen, Ressourcen möglichst lange im Kreislauf halten und Wertschöpfung breiter verstehen als reine Finanzkennzahlen.

Ich bin überzeugt, dass erfolgreiche Unternehmen künftig nicht nur nach ihrem wirtschaftlichen Ergebnis bewertet werden, sondern zunehmend auch nach ihrem Beitrag für Gesellschaft, Mitarbeitende und Umwelt. Für den Mittelstand bedeutet das vor allem eines:

Nachhaltigkeit ist kein kurzfristiger Trend und keine regulatorische Modeerscheinung. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil langfristiger Wettbewerbsfähigkeit, Zukunftsfähigkeit und resilienten Unternehmenserfolgs.

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